FRAGILE WELTEN

GALERIE IM PARK, BREMEN, 08.09. – 30.11.2008, Eröffnung am 07.09. um 11h, Eröffnungsrede: Prof. Dr. Martin Deppner, Kunstwissenschaftler, Hamburg

Gruppenausstellung mit:
Dénes Ghyczy, Philip von Mentzingen (beide Berlin), Anja Fußbach (Bremen), Peter Hampel (Bielefeld)

Imagination Is My Best Friend (Neil Young)

Die Flucht ins Innere gebiert manchmal Monster. Einjeder kennt die Gefühle von Angst, die im Unbewussten lauern und latent den Alltag zu bestimmen vermögen. Sie sind zu verstehen als Suggestionen von Unsicherheit auf der Suche nach einer stabilen Identität, die es letztlich doch nicht gibt.

Die Ausstellung FRAGILE WELTEN spiegelt genau diese Seelenzustände in einer Genre übergreifenden und sehr heterogenen Schau wider. Gemein haben alle Arbeiten den gezielten Blick auf die fragile Struktur der menschlichen Psyche. In mehrdimensionaler Weise wird mit der Selbstverständlichkeit eines einheitlich gefestigten Ichs gebrochen und stattdessen eine visuelle Grammatik des Freudschen Es angeboten.

Anja Fußbach
©Anja Fußbach

Zu bestaunen sind beispielsweise auf den ersten Blick Furcht einflößende, Pelz bemäntelte Stahlfiguren von Anja Fußbach, die dem Betrachter überraschenderweise und fast ängstlich zerbrechliche Butterkekse anbieten. Sie demonstrieren eine sehr weiche und sympathische Schale trotz ihres metallischen Panzers.

Dénes Ghyczy
©Deenesh Ghyczy

Die prozessualen Portraits des Malers Dénes Ghyczy führen auf sehr beeindruckende Weise unsere Sehnsucht nach einem einheitlichen Ich vor Augen. Gesichter blicken in verzögernder Manier den Betrachter an. Wie die Portraitierten ist er auf der Suche nach einem geschlossenen Zusammenhang, der jedoch, wie die Psyche selbst, ungreifbar bleibt. Kristalline Strukturen wirken wie Splitter des Ichs, durch die das Innere mit dem Äußeren zu zerfließen beginnt. Ghyczys Figuren lassen sich als Spiegelbild einer Seele verstehen, die sich ihre Sensibilität zu bewahren weiß, auch um sich durch eine sich entziehende Darstellung zu schützen und ihr ambivalentes Wesen nicht aufgeben zu müssen.

Philip von Mentzingen
©Philip von Mentzingen

Zur inneren Einkehr fordert uns Philip von Mentzingen auf. Seine Bildfiguren finden sich oft vor fast leeren Hintergründen wieder und vermitteln das Gefühl von Einsamkeit im Sinne einer notwendig auf sich selbst zurückgeworfenen Existenzform. Vor seinen Bildern entsteht eine Atmosphäre des Vagen, gepaart mit einer narrativen Dichte, die durch das Zusammenspiel von subtil gemaltem Gegenstand im Verhältnis zum Raum entsteht. So ist allein das Bild eines Telefonhörers imstande, eine traurige und vielleicht verdrängte Geschichte zu erzählen, die eine projizierte Unsicherheit erklären kann.

Eine fragile Welt thematisiert auch Peter Hampel mit seinen Fotos einer mitunter durch Umweltzerstörung zurück weichenden ursprünglichen Natur. Er schlägt in seiner Serie Fluchtpunkt Wildnis einen Ausweg aus einer entfremdeten Welt vor. Dieser Pfad bleibt aber schlussendlich unerreichbar, weil der zivilisierte Mensch seine eigentlich aus der Wildnis des Unbekannten herrührende Etymologie zu verschleiern versucht. Denn die allgegenwärtige technische Simulation verschließt uns letztlich den Weg in eine unbefangene, freiheitliche Wildnis. Hampel fokussiert die chaotischen Strukturen der wilden Natur, die sogar in der Lage sind, uns zu verunsichern, weil sie unser philosophisches Dilemma der nicht wissbaren Herkunft ästhetisch spiegeln.

Fluchtpunkt Wildnis - Peter Hampel
©Peter Hampel

Trotzdem braucht der Besucher keine Angst zu haben, die Ausstellung zu betreten! Denn er wird feststellen, dass die gezeigten Arbeiten sich letztlich alle auf eine gesellschaftliche Ordnung beziehen, in der systematisch jegliche Unsicherheit und Melancholie ausgegrenzt wird, damit die lächelnde Oberfläche der Bedeutungslosigkeit regieren kann. In der Galerie im Park wird das dadurch ausgegrenzte kreative Potenzial der Regression in angenehmen, sogar mitunter heiteren Imaginationen wieder freigesetzt und als verbindendes Element für alle kritischen Geister offeriert.

Uwe Goldenstein (Autor für Gegenwartskunst, Berlin, Bremen)
Der Autor ist zugleich Kurator der Ausstellung.