Brigitta Muladi: Kreisende Porträts
Neue Serie von Dénes Ghyczy

Es ist immer etwas riskant, wenn ein Künstler – wenn auch nur vorübergehend – mit seinem üblichen System der Bilderschaffung bricht und sich unbekannte Techniken ausdenkt, neue Methoden einsetzt. Mit seiner neuen Serie ist Dénes Ghyczy in der Absicht, seine eigene Malerei innovativ zu verändern und von der bisherigen konventionellen Praxis der direkten Abbildung des Gesehenen auf der Leinwand abzuweichen, zu einer Malerei aufgebrochen, die, auf der gegenständlichen Grundlage eines kompakten Gedankenmodells stehend, in eine abstrakte Richtung weist.
Montage ist eine Technik des Filmschnitts, hierdurch wird dem Film ein schnellerer, strafferer Rhythmus verliehen, und durch das Weglassen überflüssiger Details wird seine Aussage eindeutiger. Die neuen Arbeiten von Dénes Ghyczy sind im Zeichen dieser Technik zustande gekommen, indem er die Ausschnitte der bei ihm üblichen Porträts und weiblichen Figuren mehrfach nebeneinander montiert hat. Bei diesen abstrakten Gebilden bleibt – im Gegensatz zur filmischen Technik – das Motiv verborgen, die konkrete Darstellung tritt in den Hintergrund und das statische Bild verwandelt sich in ein sich dynamisch veränderndes Bild mit mehreren Sichtwinkeln. Die „mentalen Collagen”1 werden durch Zerstückelung des Fotos gebildet, wobei das reale Bild nur noch in winzigen, aber wesenseigenen Details erhalten bleibt: wir sehen verzerrte Augen und Münder. Im Endergebnis des schöpferischen Prozesses entsteht ein eher abstraktes, denn darstellendes Werk. Auch die großzügig und auf breiten Pinselstrichen gegründeten, netz- und lasurartigen, dabei gleichzeitig expressiven Oberflächen der Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen bestätigen den Eindruck, dass sich Ghyczy gegenwärtig eher der abstrakteren Malerei zuwendet.
Das überrascht zwar bei Betrachtung seiner bisherigen Arbeiten, wenn man sich jedoch mehr hineindenkt, so ist dies eine organische Fortsetzung seines bisherigen bildlichen Denkens und seiner früheren Serien, als die durch gemustertes, opalisierendes Glas hindurchscheinenden, auseinanderbrechenden Porträts unter Einsatz eines analogen Systems der Bilderschaffung zustande gekommen waren, während der Maler nun das Produkt selbst digital erschafft hat, um es hernach zu malen.
Das Neuartige, das Individuelle, das Denken der Postmoderne sind auf den alten Bildern Ghyczys genauso zugegen, allerdings scheinen die Vorstellungen des Künstlers über Malerei durch seine jetzige Konzeption aktueller zu sein. Mit der Darstellung von freigelassenen Oberflächen und zu fragmentartigen Motiven zerfallenen Gesichtern dürfte er die Zweifel unserer Zeit an der Kraft der mit dem Gesicht (dem Antlitz) identifizierten Persönlichkeit und auch seine Unzufriedenheit mit dem Bild vom emblematisch wirkenden Künstler zum Ausdruck bringen. Zur Fähigkeit zur Veränderung, zur Übernahme des Risikos braucht es selbst dann persönlichen Mut im Umfeld einer kommerziellen Galerie, wenn das Programm dieser Einrichtung von Zeit zu Zeit auch besondere fachliche Delikatessen bietet.
Die wesentliche Neuerung der jetzigen Serie kann daran festgemacht werden, dass das lebende Modell aus seinen Realitätsabschnitten und herausgehobenen Details kaum mehr erkennbar ist und das gesamte Bild auch nicht mehr reproduziert werden kann. Herausgeschnittene, horizontale und vertikale, breite und schmale Streifen ordnen sich auf den Aquarellen auf den rohweiß belassenen Grundschichten zu Bildstreifen an, die sich scheinbar immer und immer wieder aus ihrer Anordnung wegbewegen. Die dynamischen Einheiten stellen sich als medial kreierte Bilder dar, die aber nicht auf die mediale Realität reflektieren, sondern Produkte eines besonderen autonomen Bilderschaffungssystems sind.
Aus den Bildtiteln ist zu erfahren, dass es sich hier nicht um einfache Porträts, sondern um Transformationen von Fotos handelt, die Paare darstellen. Natürlich weichen die beiden Charaktere im Wissen um diese Information auch auf der Grundlage der Bildbetrachtung stark voneinander ab, trotzdem bin ich mir nicht sicher, ob ich tatsächlich die Trennung in zwei verschiedene Gesichter bemerken würde, wenn im Titel nicht zwei Namen zu lesen wären (z. B. Felix-Myriam, Myriam-Kilian). Nun können wir für uns aus den Titeln ganze Geschichten fortschreiben. Wer ist wohl der Felix neben Myriam? Der Freund? Oder der Sohn? Und der andere Männername?

Der Berliner Kunsthistoriker und Kurator Marc Wallmann nähert sich der neuesten Serie des zurzeit in Berlin lebenden Künstlers in seinem ausdrücklich für die Ausstellung in der Galerie von Erika Deák verfassten Beitrag aus medienkritischer Sicht, was dann auch die Worte des Malers am Ende des Zitats bestätigen: „Dénes Ghyczy entwirft in seinen Bildern das Bild des zeitgenössischen Menschen in seiner heterogenen, hybriden, von der Eindringlichkeit des Medienzeitalters zerrissenen Identität. Die Konzepte moderner Neurowissenschaft haben sich schon seit geraumer Zeit verabschiedet von einer festen Kern-Individualität (wörtlich das „Unteilbare“ von lat. dividere). Vielmehr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das, was als Ich empfunden wird, eine imaginäre Konstruktion ist, eine Art Spiegelung völlig ungreifbarer, neuronaler Vorgänge. Wir sind durch moderne Kommunikationsformen und Zerstreuungstechniken wie Internet, Fernsehen oder Computerspiele einer endlosen Flut von Zeichen ausgesetzt. Die Zukunft genetischer Optimierung des Körpers oder der Einbau netzwerkfähiger Implantate scheint greifbar nahe. Wo sind die Grenzen von Innen und Außen, Realität und Fiktion, Natürlich und Künstlich? Dénes Ghyczy empfindet in dieser Situation eine Krise menschlicher Identität: ‚Wenn man nicht über genügend Schutzmechanismen verfügt und die Empfänglichkeit groß ist, kann man schnell den Bezug zu sich selbst verlieren und zu einer ‚leeren’ Hülle werden. Diese seelische Abstumpfung kann sogar zu einem seelischen Extremismus führen, bei dem wir immer stärkere Impulse brauchen, um noch was zu spüren’.”

erschienen in "Uj Müvészet", März 2008