Beata Hock: Zur Ausstellung Mentale Collage von Dénes Ghyczy
Galerie Erika Deák, 17. Januar 2008, Eröffnungsrede

Der Maler Dénes Ghyczy lebt gegenwärtig in Berlin, hatte aber seit Anfang der 90er Jahre länger als ein Jahrzehnt auch in Budapest gelebt. Das weiß zwar vermutlich die Mehrzahl der Anwesenden sehr gut – ich erwähne das an dieser Stelle aber trotzdem, um die Verwunderung von Dénes zu wiederholen, dass er, seit er Budapest für Berlin verließ, noch nie so lange zusammenhängend fern der Heimat war, wie diesmal, seit seinem letzten Budapest-Besuch im Mai vergangenen Jahres. Nach dieser relativ langen Abwesenheit erscheint er nun in der Galerie von Erika Deák – dort, wo seine individuellen Ausstellungen auch bereits 2004 und 2003 zu sehen waren – mit einem Ensemble von neuen und bedeutsame Veränderungen aufweisenden Werken.

Als Dénes mich um einige einführende Worte für seine neue Ausstellung gebeten hat, so hat er mir damit die Möglichkeit gegeben, nach der Quelle eines vor Jahren aufgezeichneten und in mir immer wieder lebendigen französischen Zitats zu suchen, denn im Angesicht des hier vorgestellten Materials kam mir der fragliche Satz wieder in den Sinn, und ich hätte diesen gern unter Angabe des Autors zitiert. In meinen eigenen handschriftlichen Notizen kam ich dem Zitat nicht auf die Spur, und die Suche im Internet brachte das Ergebnis, dass es sich hier tatsächlich um einen Gedanken handelt, der als allgemein bekannter Spruch gelten kann. Und es stellte sich auch heraus, dass ich diese früher auf meine eigene – um nicht zu sagen fälschliche – Weise interpretiert und registriert bzw. verwendet habe. Wenn ich mich aber etwas mehr hineinversetze, so erscheinen beide Interpretationen – die ursprüngliche und meine eigene – an dieser Stelle zutreffend.

Nun denn, es ist an der Zeit, das Zitat endlich zu zitieren: „plus ça change, plus c'est la même chose”, was ich für mich wie folgt übersetzt habe: je mehr sich etwas ändert, umso mehr bleibt es die gleiche Sache.

Die ursprüngliche, „richtige“ Bedeutung des Spruchs – wonach sich die Dinge zwar ändern, aber nicht endgültig verändern – charakterisiert die Bildbehandlungstechnik von Ghyczy, seine Art, das Gesehene zu verarbeiten. Dénes malt bereits seit einigen Jahren so, dass er vor das die Thema dienenden Modelle oder vor die als Thema dienenden Ansichten Glasplatten mit wechselnden Mustern und somit mit ständig wechselnden Lichtbrechungen hält, und dann die auf diese Weise erhaltene aufgelösten, ihrer Konturen entrückten, in gewissem Maße verzerrten Ansicht-Ergebnisse auf die Leinwand bannt. Die ersten „Hinterglas“-Bilder lösten Gesichter, menschliche Figuren zu Splitterzeichnungen auf; dann wurden auch Landschaftsdetails durch Glastropfen gespiegelt verzerrt – aus beiden Serien war in der Galerie von Erika Deák jeweils eine Auswahl zu sehen –, und nun sehen wir wieder menschliche Figuren. Diese aber werden nun nicht mehr nur durch Glasplatten verändert, sozusagen „entrealisiert“, sondern auch durch die Möglichkeiten der Manipulationsverfahren bei der digitalen Bildbearbeitung.

Ich meine, der Titel der Ausstellung – Mentale Collage – gibt dem Betrachter der Bilder das Recht, ja fordert ihn geradezu auf, sich Gedanken über den mental-psychischen Prozess zu machen, der zu diesem Bildbehandlungsverfahren führt. Ich selbst vermute hier einen verblüffenden, gleichzeitig in zwei gegensätzliche Richtungen divergierenden Prozess. Zum einen stelle ich einen beständigen Widerstand gegen mimetische Darstellungen, Abbildungen, Schön-Malerei fest und dazu parallel so etwas wie eine absichtlich gesuchte Disharmonie oder erzeugte Dissonanz. Schon angesichts der früheren Bilder konnte man solche Feststellungen treffen, denn ein Landschaftselement, das der verzerrenden Wirkung einer Glasplatte ausgesetzt wird, ist nie selbst unfreundlich oder unangenehm, wie auch als Modell dienende Bekannte selbst nicht Auslöser negativer Impulse sind. Zur Steigerung dieser dissonanten Wirkung setzt der Maler die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung ein, die schöpferisch oder eben zerstörerisch auf die Vorstellungskraft wirken. Die Dissonanz verursacht zwar Beklemmung, diese mit innerer Anspannung einhergehende Wahrnehmung nimmt aber in dem zuvor vorgestellten gegensätzlichen Prozess die Form visuell ansprechender Bilder an. Bilder entstehen neben der Leinwand auch auf Papier, hauchdünne Pastellzeichnungen und Papierarbeiten, und einen ebensolchen Eindruck von aquarellartiger Transparenz, Dämmerung, luftiger und schwereloser Qualität vermittelt auch die neu entdeckte Maloberfläche: die Kunstseide.

Mag sein, dass die Modelle selbst angesichts der für diese Bilder eingesetzten Attribute wie ansprechend und positiv doch Protest anmelden würden, da sie ja die konzeptuelle Geste, die zur Auflösung ihres Porträts führt, nicht von außen betrachten.

Die Modelle der Gemälde auf der heute zu eröffnenden Ausstellung sind in den meisten Fällen gar keine Bekannten oder Freunde, sondern aus dem Internet gesammelte Figuren. Vielleicht ist es ja ein Ergebnis dieser unpersönlicheren Beziehung, dass selbst die Geste, mit der die Gesichter aufgelöst werden, radikaler erscheint. Wie formulierte doch Marc Wellmann bei der Vernissage der auch heute noch laufenden Ausstellung des Malers in Köln? Diese neue, sorgsam kalkulierte Operation beruht auf einem Prozess, der fast schon seziert, und – füge ich hinzu – dies führt zu gleichsam mutanten- oder zombieähnlichen Darstellungen. Da, wo nicht ein Gesicht das ausschließliche „Operationsgebiet“ ist, sondern (beinahe) komplette menschliche Figuren mit geometrischer Regelmäßigkeit aufgelöst werden, erhält die Form durch die Auflösung der Strukturen so etwas wie eine sehr lebendige Dynamik, selbst wenn diese nicht frei jeglichen kritischen Kommentars ist. Und während die früher „analoge“ Ansicht-Modifikation durch das Muster der eben gewählten Glasplatte und damit durch deren Gesetzmäßigkeiten der Lichtbrechung determiniert war, erscheint die bei der digitalen Bildbearbeitung entstehende Vervielfältigung, Verzerrung und Übereinanderschichtung der Detailansichten weniger zufällig, also doch eher willkürlich, demnach als ein Prozess, den der Maler selbst in der Hand hat.

Und wenn ich mich eben gerade auf das Ertasten des mentalen Geschehens im Hintergrund der schöpferischen Strategie eingelassen habe, würde ich diesen Pfad noch um einen weiteren Gedanken weiterbeschreiten – und so auf die zweite Deutung des vorhin zitierten Satzes (bzw. auf die Umdeutung desselben durch mich) zurückkommen: Jegliches, das ständiger Veränderung ausgesetzt ist, wird durch diese nicht aufgerieben, sondern zu einer Entität geformt, die ihre eigene Komplexität immer besser erkennt.

Dénes Ghyczy reflektiert auch nach eigener Aussage auf das brüchige, fragmentierte Persönlichkeitsbild des Menschen des 21. Jahrhunderts, wenn er das einheitliche Bild menschlicher Gesichter und Figuren auflöst, de-konstruiert. Nach den modernen soziologischen Lehren von der Persönlichkeit strebt das Individuum im Laufe seines Lebens nach Festigung einer kohärenten und einheitlichen Identität. Aus dieser Perspektive muss die Erkenntnis der Postmoderne, wonach die Persönlichkeit des Menschen bei Weitem kein festes Gebilde ist, sondern viel eher ein Prozess, der aus zahllosen, in Veränderung und Widerspruch begriffenen Elementen besteht, tatsächlich als Krise aufgefasst werden. Der Verlust der Illusion eines stabilen „Ichs“ bedeutet gleichzeitig auch den Verlust der Illusion des rationalen, autonomen Individuums, das in der Lage ist, seine Umgebung zu kontrollieren. Und es bedeutet ebenso die Schwächung der Neigung zur Akzeptanz einer gesellschaftlichen Autorität, die den Anspruch erhebt, allmächtig zu sein, was letzten Endes als eine Entwicklung gelten kann, die nicht jeglicher positiver Bewertung entbehrt.

Diejenigen, die ein fragmentiertes Ich-Bild begrüßen, meinen, dass das alte Subjekt-Modell nur Hemmschuh der kulturellen Veränderungen sei, indem es versuchte, die für heterogen oder weniger wertvoll erachteten Identitätselemente auszuschließen. Aus dieser Sicht existiert ein unerschütterliches Persönlichkeits- und Weltbild gerade dort, wo Unterdrückung herrscht. Anstelle vereinheitlichender Sichtweisen forciert dieser Standpunkt Akzeptanz und Rezeption von Ambivalenz, Unentschlossenheit und Vielfalt und spornt dazu an, eher nachzusehen, warum wir es denn für notwendig erachten, Ordnung in die Dinge zu bringen, selbst dann noch, wenn das Ordnungsprinzip gegebenenfalls willkürlich und tyrannisch ist.

Und so fürchte ich die Brüchigkeit des Persönlichkeitsbildes nicht allzu sehr. Wie aber Dénes Ghyczy seine Menschenfiguren umherwirft, das lässt mich schon etwas erschaudern.