Uwe Goldenstein: Mind Out Of Time

Das Medium der Malerei vermag eine besondere Situation des Stillstands, des Innehaltens, der Einkehr zu eröffnen. Deenesh Ghyczy führt uns in eine Welt der Malerei, in der gewohnte Prinzipien des Denkens und Argumentierens keine Bedeutung besitzen. Seine Bildfiguren sind den Kausalitäten des Alltags enthoben, sie schweben oder sind gänzlich nach innen gekehrt. Kanalisierte Bewusstseinströme, gebannt im Motiv fragmentierter, zerstreuter, sich auflösender Figuren.

Die von Ghyczy portraitierten Menschen sind umgeben von abstrakten Flächen und gebrochenen Raumansichten. Sie vermengen sich mit ihrem Umfeld, scheinen sich gar daraus zu gebären oder darin zu versinken. Die Dynamik des Gegenübers von gegenständlichem Motiv und seiner abstrakten Einbettung im Werk Ghyczys thematisiert die Ganzheit der menschlichen Existenz - im Sinne einer stetigen Auseinandersetzung der Figur mit ihrer Selbstwahrnehmung und ihrer Verortung in einer erscheinenden Umwelt. Die Ghyczy`sche Perspektive mutet wirklicher an als eine ungebrochene Erscheinung, weil sie den unbewussten Filter und damit die Kontingenz des Sehens vorzuzeigen vermag. Ghyczy hat damit eine besondere Motivform gefunden für den Zustand des Oszillierens zwischen äußeren und inneren Wahrnehmungen, also ihrem permanenten Abgleich im Unbewussten. Denn er stellt die sequenzielle Darstellung eines Augenblicks mit dem Verborgenen und Unbewussten auf eine einzige, wenn auch symbolische Ebene.

Ghyczys Körper sind eingefasst in ein grobes Koordinatennetz aus senkrecht und horizontal verlaufenden Linien. Auf diese Weise sind seine Figuren hintergründig verortet im Grundsystem der zweidimensionalen Fläche. Die kristallinen Gesichtszüge, die den Portraitierten nach außen hin geöffnet erscheinen lassen werden so zurückgeholt ins Bild, gestützt und auf subtile Weise geerdet. So wirken die Bildfiguren trotz ihrer vielfältigen Ausprägung einheitlich, manchmal gar melancholisch. Sie sind also zugleich in ihre Umgebung eingebunden und im Ausdruck wiederum von ihr gelöst. So wirken sie ob ihrer Zerstreuung distanziert und auf ihr emotionales Innenleben konzentriert.

Die gleichzeitige, serielle Präsenz und Wiederholung verschiedener Gesichtszüge ermöglicht eine ungewöhnliche Veranschaulichung von Zeit. Temporäre Abläufe vermengen sich zu einem gebundenen Zustand einzelner Zeiten. Schließlich sieht er immer nur das Bildnis einer Person, dessen synchrone Ausprägungen in einer einzigen gefühlsmäßigen Verfassung zusammenfließen. Diese bemerkenswerte Rückführung der prismatischen Auflösung des Bildgeschehens bewirkt eine entscheidende Zuwendung, vom Sichtbaren ins Seelenleben der Figur. Wir projizieren also einen einheitlichen Gemütszustand jenseits der Fragmentierung, der von der Parallelität der verschiedenen Ansichten getragen wird. Die Melancholie, die auch vom Betrachter unbewusst gewünscht zu sein scheint, wird zum vereinheitlichenden Rezeptionsfaktor, der die Ruhe in den Bildern jenseits aller Auflösungserscheinungen erklärt.

Im Werk Ghyczys haben sich die Gedanken von ihren Zeitfesseln gelöst. Er erfasst die unbewussten Kräfte der Projektion in der Wahrnehmung durch das Zusammenspiel mit der Intuition. Das Sichtbare und ihr emotionaler Abgleich können jeweils ihrer eigenen Zeit folgen. Die Gleichzeitigkeiten werden transferiert in eine Art Gelee aus Zeit, das sich durch die simultane Präsenz von Vergangenem, Zukünftigen und unmittelbar Spürbarem auszeichnet. Eine solche Erfassung des Menschen beschränkt sich nicht auf das kurzfristige Sehen, sondern respektiert, dass sich die Wahrnehmung als solche gleichermaßen nach innen richtet auf einen Geist, der sich von der linearen Zeit zu emanzipieren vermag.

aus dem Katalog "Mind Out Of Time", 2010